Eine ältere Frau lebte im Erdgeschoss, in einer Wohnung mit beschlagenen Fenstern und verwelkten Ficus-Pflanzen auf der Fensterbank. Niemand wusste genau, wer sie war. Die Nachbarn wussten nur eines: Jeden Tag, Punkt sechs Uhr morgens, ging sie mit einer großen, ausgebleichten Tasche zu den Mülltonnen. Und fing an zu wühlen. Lange. Als würde sie etwas Wichtiges suchen.
— Schon wieder unterwegs…
— Vielleicht sucht sie Essen? Oder Flaschen?
— Nein, die ist einfach verrückt.
— Oder eine Hexe. Ihre Augen sehen aus wie die einer Eule, — flüsterten die Leute.

Im selben Haus wohnte ein neunjähriges Mädchen. Sie sah die Großmutter oft aus dem Fenster und fragte sich immer wieder: Warum macht sie das jeden Tag? Eines Tages siegte die Neugier über die Angst. Als ihre Mutter zur Arbeit ging, lief sie in den Hof und näherte sich ihr.
— Oma… haben Sie etwas verloren?
Die Frau reagierte nicht. Ihre Hände wühlten weiter im Müll — in Apfelresten, Papierfetzen, schmutzigen Lappen. Dann hielten sie inne. Das Mädchen erwartete zu hören, dass sie nach Essen suchte. Doch was sie stattdessen erfuhr, ließ sie erstarren.
Die Großmutter flüsterte:
— Hast du hier ein Baby gesehen?
Das Mädchen erstarrte.
— Was?
— Ein kleiner Junge… in eine Decke gewickelt… Ich habe ihn verloren. Er ist irgendwo hier.
Dann beugte sie sich wieder über den Müll, suchte weiter in alten Tüten und beachtete das Mädchen nicht mehr.
Das Mädchen rannte entsetzt nach Hause. Abends erzählte sie alles ihrer Mutter. Diese wurde bleich und flüsterte nur:
— Geh nie wieder zu ihr, hörst du? Nie wieder.
Eine Woche später starb die alte Frau — direkt bei den Mülltonnen. Schlaganfall. Der Krankenwagen kam schnell, aber zu spät. Die Tasche, von der sie sich nie trennte, wurde von den Müllmännern mitgenommen. Und ein paar Tage später begannen die Leute auf der Bank zu flüstern:
— Hast du gehört, was man über sie herausgefunden hat?
— Über wen?

— Über die Alte. Mit fünfzehn hat sie heimlich ein Kind bekommen. Zu Hause. Der Vater war doppelt so alt, ein Nachbar, sagt man. Sie hat alles geheim gehalten. Sie gebar — und warf das Kind sofort weg. In den Müll. Ihre Mutter schlug sie damals und warf sie raus.
— Mein Gott…

— Seitdem war sie nicht mehr dieselbe. War in der Psychiatrie, dann wieder zu Hause. Schließlich zog sie sich ganz zurück. Und ging jeden Tag zu den Mülltonnen. Um zu suchen. Ihr Kind.
