Ich ertappe mich immer noch dabei, dass ich sie anrufen will. Nur einmal noch ihre Stimme hören. Wie meine Tochter sagt:
„Mama, wir kommen gleich vorbei. Koch doch was Leckeres.“
Aber das Telefon bleibt still. Und… sie sind nicht mehr da.
Meine Tochter und ihr Mann sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.
Ein sinnloser, grausamer Unfall. Sie waren einfach nur auf dem Heimweg nach einem schönen Wochenende.
An einer Kreuzung… da dachte jemand, er könne noch über Rot fahren.
Sie hatten keine Chance. Ihr Auto – nur noch Schrott. Ihre Kinder warteten zu Hause. Lachten. Malten. Fragten sich, wann Mama und Papa zurückkommen.

Ich habe nicht gezögert. Ich bin gekommen und habe sie mitgenommen.
Die Große ist acht. Sie schaute mich an, als könnte ich ihr erklären, warum Mama nicht zum Schulfest kam.
Der Kleine ist drei. Immer wieder fragt er:
„Oma, wo ist Papa? Ist er Bonbons holen?“
Jedes Mal, wenn er das sagt, drehe ich mich weg. Ich darf nicht weinen. Nicht vor ihnen.
Sie haben schon alles verloren. Ich darf nicht auch noch zusammenbrechen.
Ich muss stehen. Für sie.

Heute höre ich nachts Schritte im Flur. Ich denke, es ist meine Tochter.
Aber es ist meine Enkelin. Sie hat wieder schlecht geträumt.
Manchmal kriecht sie zu mir ins Bett und flüstert:
„Oma, du gehst aber nicht auch weg, oder? Du fährst nicht kaputt?“
Ich umarme sie fest. Ganz fest.
Nein, mein Schatz. Ich geh nicht weg. Ich bin jetzt dein Zuhause. Deine sichere Welt. Deine Gutenachtgeschichte.

Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.
Ich bin wieder Mama geworden, wo ich eigentlich Oma sein wollte.
Ich konnte mich nicht verabschieden. Ich konnte ihr nicht mehr sagen, wie sehr ich sie liebe.
Aber vielleicht… vielleicht ist das meine zweite Chance.
Jeden Tag zu zeigen, wie groß Liebe sein kann.
