Ein paar Tage hintereinander flog eine Taube zu meinem Fenster. Meistens kam sie morgens, setzte sich auf das Fensterbrett und klopfte mit dem Schnabel gegen die Scheibe. Sie saß nicht einfach nur da, wie es Vögel manchmal tun, sondern schien wirklich Aufmerksamkeit erregen zu wollen. Zuerst dachte ich, dass ihr vielleicht das Spiegelbild oder die Wärme des Fensters gefiel. Vögel machen ja die seltsamsten Dinge.
Aber sie kam jeden Tag. Immer dieselbe Taube – ich habe sie mir gemerkt: An ihrem Bein hing ein Stück roter Schnur oder ein dünnes Bändchen. Ich dachte, das sei vielleicht eine Markierung – vielleicht war sie jemandem zugehörig?
Gestern Morgen habe ich schließlich das Fenster geöffnet. Sie hatte keine Angst. Sie setzte sich auf den Rand, drehte den Kopf, flog dann los – und landete auf dem Balkon gegenüber, auf dem Geländer. Und dort bemerkte ich hinter der Klimaanlage etwas, das sich bewegte. Ein kleines graues Wesen. Als ich genauer hinsah, war es eine andere Taube, verletzt. Offenbar war sie eingeklemmt und konnte sich nicht befreien.

Und plötzlich ergab alles einen Sinn. Diese Taube, die immer zu mir kam, tat es nicht für sich. Sie rief um Hilfe.
Ich ging hinaus auf den Hausflur und klopfte an die Tür der Wohnung gegenüber – dort lebt eine ältere Frau, Tante Lida. Sie öffnete sofort und ließ mich glücklicherweise auf den Balkon. Zusammen holten wir die zweite Taube vorsichtig heraus. Sie war wirklich zwischen Rohr und Netz der Klimaanlage eingeklemmt. Ihr Flügel war verletzt.
Ich rief ein nahegelegenes Tierheim für Vögel an, und sie nahmen sie mit. Und die erste Taube saß die ganze Zeit daneben. Sie flog nicht weg. Erst als alles vorbei war, erhob sie sich in den Himmel und verschwand.

So war das. Keine Magie. Nur jemand, der jemand anderen nicht allein sterben ließ.
