Seit meiner frühesten Kindheit hörte ich immer wieder denselben Satz: „Du bist der Ältere – pass auf deinen Bruder auf.“
Ich war erst vier, als Mama das zum ersten Mal sagte, aber seitdem hörte ich diesen Satz öfter als Gutenachtgeschichten, öfter als Umarmungen.

Mein kleiner Bruder wurde geboren, als ich zwei war. Er war der Liebling, der Lausbub, für ihn gab es immer eine Entschuldigung – „er ist doch noch klein.“
Und ich… ich musste erwachsen sein. Selbst dann, als ich noch nicht mal verstand, was das bedeutet.

Wenn er etwas kaputt machte – bekam ich Ärger. Wenn er quengelte – musste ich ihn beruhigen. Wenn er hinfiel – war ich schuld.
Aber wenn ich weinte? Dann hieß es: „Wein nicht, du bist doch der Große!“
So nahm man mir Stück für Stück meine Kindheit.
Während andere Kinder unbeschwert spielten, saß ich mit meinem Bruder. Wenn ich mit Bauklötzen Türme bauen wollte, musste ich verzichten. Wenn ich einfach nur Kind sein wollte – erinnerte man mich daran, dass ich „schon fast erwachsen“ sei.
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Ich liebe meinen Bruder. Sehr sogar.
Aber ich musste lange lernen, dass auch ich das Recht habe, schwach zu sein, müde zu sein, Fehler zu machen.
Auch ich war mal klein. Und es ist schade, dass mir niemand erlaubte, es ein bisschen länger zu bleiben.
