Meine Großmutter war für mich immer ein Vorbild an Weisheit. Sie ist bereits neunzig Jahre alt, aber ihr Verstand ist noch genauso scharf wie in ihrer Jugend.
In unserer Familie ist sie für ihre Ratschläge bekannt – sie scheint auf jede Frage eine Antwort zu haben. Menschen kommen zu ihr, um Rat zu suchen, und sie hilft immer gerne.
Doch eines hat mich immer verwundert: Wenn es um das Testament geht, weicht meine Großmutter konsequent aus.
Wenn jemand sie fragt, ob sie ein Testament gemacht hat oder entschieden hat, wer was bekommt, sagt sie nur kurz:
— Ich habe bereits alles geregelt.
Diese Worte ließen mir keine Ruhe. Kürzlich beschloss ich, sie direkt zu fragen:
— Großmutter, warum sprichst du nie über dein Testament?
Sie sah mich aufmerksam an, ihre freundlichen Augen funkelten schelmisch. Dann lächelte sie leicht und sagte:
— Selten fragt jemand aus Liebe danach. Meistens steckt der Wunsch dahinter, alles zu wissen und sich vorzubereiten. Zuerst sind es höfliche Nachfragen, dann folgen unehrliche «Fürsorge» und unnötige Geschenke. Aber ich weiß, dass das Heuchelei ist: Wenn das Interesse nicht aus Gefühlen, sondern aus Berechnung kommt, verschwinden solche Menschen, sobald sie merken, dass sie nichts bekommen oder ihr Ziel erreicht haben. Deshalb bin ich überzeugt, dass man keine Details über das Testament oder die Vermögensverteilung preisgeben sollte, denn das ist in erster Linie meine Sicherheit.
Ihre Worte brachten mich zum Nachdenken.
Ich erinnerte mich an Geschichten, in denen Verwandte sich wegen Erbschaften zerstritten, und erkannte, wie recht sie hatte.
Seitdem habe ich meine Großmutter nicht mehr nach dem Erbe gefragt. Ich wusste nur eines: Sie hat wirklich alles bedacht.



