Jeden Sonntag kam sie. Seit fast einem Jahr, ohne Ausnahme. Schwarzes Kleid, dunkles Tuch über dem Haar, frische Gladiolen in der Hand. Der Weg über den Kies fühlte sich jedes Mal schwerer an. Und doch ging sie – immer zu ihm.

Doch heute war etwas anders.
Als sie am Grab ankam, hielt sie inne. Ein Schatten? Eine Täuschung? Sie blinzelte gegen das Licht – und das Herz rutschte ihr in die Tiefe. Direkt an der Grabplatte klaffte ein Loch in der Erde. Ungleichmäßig, dunkel, roh. Als hätte jemand… gegraben. Von innen? Oder von außen?
Die Blumen fielen ihr aus der Hand. Ihre Knie wurden weich. Sie kniete sich nieder, legte instinktiv eine Hand auf den Grabstein, als wolle sie Halt bei ihm suchen – wie früher.
„Das… das kann doch nicht sein…“, flüsterte sie. „Hat jemand versucht, die Grabstätte zu öffnen?“
Panik kribbelte in ihrem Nacken. Gedanken rasten. Wer? Warum hier? Was, wenn…?
Langsam beugte sie sich über das Loch – und erschrak.
Doch dann entdeckte sie etwas Merkwürdiges. Kleine Spuren am Rand der Grube. Scharf, fast wie Krallen – aber zu zierlich für ein Raubtier. Erinnerungen an das Kinderbuch, das ihr Mann den Enkeln vorgelesen hatte, flackerten auf. Über Tunnel, die tief unter der Erde verliefen…
Sie kniff die Augen zusammen. Tatsächlich – das Loch war nicht senkrecht, sondern verlief schräg in die Erde hinein.

Ein Tierbau.
„Maulwürfe…“, hauchte sie, und ein Lächeln stahl sich über ihr Gesicht.
Sie setzte sich ins Gras. Zum ersten Mal seit Monaten atmete sie leichter. Diese Grube, die sie in Schrecken versetzt hatte, war bloß Teil der Natur. Leben – mitten im Tod.
Sie glättete behutsam die Erde, legte die Blumen zurecht, strich sich das Tuch über der Stirn zurecht und flüsterte:

„Du hättest dich kaputtgelacht, nicht wahr? Ich höre dich schon scherzen… genau wie früher.“
